Mein Zwischenstopp in Glenwood Springs

und warum Amerikaner immer das Unmögliche möglich machen

Hanging Lake Glenwood Springs

Auf meiner Reise durch Colorado habe ich natürlich auch in Glenwood Springs Halt gemacht, das direkt an der Interstate 70 liegt. Der Ort ist ein echtes Juwel in den Rocky Mountains auf 1.750 Metern Höhe. Die von einem Canyon eingefasste Stadt liegt rund 240 km westlich von Denver und ist berühmt für ihre heißen Quellen. Die Glenwood Hot Springs zählen zu den größten Thermalbädern der Welt.

Die Stadt ist auch deswegen so interessant, weil sie auf eine historische Vergangenheit zurückblickt. Im Wilden Westen hieß sie noch Defiance und zog zahlreiche Goldsucher, Spieler und Glücksritter an. Zu ihnen gehörte auch der legendäre Revolverheld und Zahnarzt Doc Holliday, der 1887 dort an Tuberkulose starb. Sein Gedenkstein befindet sich auf dem Linwood Cemetery etwas oberhalb der Stadt. Dort befindet sich auch das Grab von Kid Curry, einem Mitglied der Butch-Cassidy-Wild-Bunch-Gang. Der Aufstieg ist steil und etwas anstrengend, lohnt sich aber allein schon wegen des tollen Blicks auf die Stadt und das Tal. Das Herzstück der Stadt ist die Grand Avenue, die alte Hauptstraße. Das Besondere: Die historischen Gebäude wurden erhalten und lassen euch den Flair der alten Wildwestzeit erleben. Unter anderem könnt ihr dort die Lieblingskneipe von Doc Hollywood besuchen und einen Whisky trinken, bevor es weitergeht.

In der Stadt gibt es unzählige kleine Geschäfte, die zum zu einer Shoppingtour einladen. Es lohnt sich durchaus, mehrere Nächte einzuplanen, denn auch in der Umgebung gibt es viel zu sehen. 

Die Natur hier ist wirklich spektakulär: Unternehmt zum Beispiel eine Tour zum Hanging Lake, einem Wasserfall mit einem türkisfarbenen Bergsee. Er liegt elf Kilometer östlich von Glenwood Springs im Glenwood Canyon.

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Amerikaner geben niemals auf und machen das Unmögliche möglich

Der Wanderweg zum Wasserfall wurde als steil, aber lohnenswert beschrieben. Die 2,4 Kilometer haben es allerdings in sich. Ihr müsst nämlich 387 Höhenmeter überwinden und es geht konstant sehr steil bergauf. Gute Schuhe sind ein absolutes Muss. Unternehmt die Wanderung nicht ohne und plant vor allem genug Zeit ein bzw. geht früh genug los.

Am Eingang angekommen, fragte ich einige Amerikaner, ob sich der Weg lohnt und wie die Strecke ist. Sie antworteten: „Es ist gar nicht so schwer und der Blick ist fantastisch. Geh auf jeden Fall, du wirst es nicht bereuen.“ 

Euer Weg führt euch anfangs entlang eines schmalen Pfads, der sich durch eine enge Schlucht des Dead Horse Creek windet. Das sanfte Rauschen des Baches begleitet euch, während ihr euch über Steine und Wurzeln schlängelt. Nach wenigen Metern seid ihr schon außer Atem, weil die Steigung immer steiler wird. Zwischen den Bäumen lugen kleine Wasserfälle hervor und mit jedem Höhenmeter wird es stiller um euch herum.

Während des gesamten Weges kamen mir immer wieder Wanderer entgegen, die ihr Ziel bereits erreicht hatten. Zumindest sah das Herunterlaufen leicht und flockig aus. Außerdem hatten alle augenscheinlich gute Laune. Trotzdem, ich pustete und nahm mir innerlich vor, demnächst dringend mehr zu trainieren. 

Das Wetter war an diesem Tag ziemlich durchwachsen – die Temperaturen lagen um null Grad. Ich war recht dick und funktional angezogen. Bei jedem Schritt konnte man das Knirschen meiner Kleidung hören. Zeitweise fielen einige Regentropfen, die sich mit etwas Schnee mischten. So wurden meine Klamotten nicht nur von innen, sondern auch von außen recht feucht, was sich zeitweise gar nicht so toll anfühlte. *schmunzel*

Nachdem ich gut über eine Stunde unterwegs war, kamen mir Zweifel, ob ich überhaupt noch auf dem richtigen Weg bin. Eigentlich hatte ich zu diesem Zeitpunkt genug und wollte am liebsten umdrehen und endlich eine heiße Dusche nehmen. Ich war fest davon überzeugt, mein Ziel schon verfehlt zu haben. In diesem Moment tauchte eine Familie mit Kindern auf, die den Berg hinunterkam. Auch sie waren recht gut gelaunt. Ich fragte sie, wie weit es denn noch sei. Sie meinten: „Geh weiter, Honey. Du bist schon so nah dran. Es lohnt sich und ist überhaupt nicht mehr weit. Der Blick ist „beautiful“. Lauf noch etwas weiter, du bist schon fast da.“ 

Ich lief weiter. Die Luft wurde immer kühler und ein ungemütlicher Wind kam auf. Mittlerweile war ich eineinhalb Stunden unterwegs und noch immer war kein Bergsee in Sicht. Mir war warm und kalt gleichzeitig … das klingt kurios, funktioniert in der Realität aber wirklich. Wieder kam von oben ein Amerikaner. Er sah mich an, lachte und rief mir entgegen: „Gib nicht auf. Gleich hast du es geschafft!“

Und tatsächlich … nur wenige Schritte und einen letzten steilen Anstieg später hatte ich es geschafft. Vor mir lag ein türkisgrüner, glasklarer See. Er war eingerahmt von moosbewachsenen Felsen und einem Wasserfall, der mit seinen feinen Wasserfäden über die Klippen tanzte und einen ohrenbetäubenden Lärm machte. Ein Ort wie aus einem Fantasy-Werbevideo. Einfach atemberaubend schön – ein Wunder der Natur. Just in diesem Moment hüpfte ein blauer Vogel ganz nah vor mir herum und pickte einige übriggebliebene Chips von vorherigen Touristen vom Boden auf. Ich war geplättet … im wahrsten Sinne des Wortes, von der Wanderung und von dem Anblick! *lach* 

Nach einiger Zeit am See und unzähligen Fotos später, machte ich mich wieder auf den Weg, weil die Dämmerung nicht mehr lange auf sich warten ließ. Auf dem Rückweg dachte ich über das Erlebte nach und musste innerlich ein wenig schmunzeln. Hätten mich die Amerikaner nicht ermuntert, wer weiß, vielleicht hätte ich den Bergsee nie gesehen.

Was ich an dem Tag über die Amerikaner gelernt habe? Sie geben niemals auf, haben einen unbezwingbaren Entdeckerwillen, den Mut, Dinge durchzuziehen – egal, wie hart es auch wird und sind immer gut drauf. Sie glauben an die Einzigartigkeit eines jeden Einzelnen, an das Unmögliche und daran, dass jeder es schaffen kann. Mir haben sie an dem Tag den Antrieb gegeben, den Weg weiterzugehen und dieses Naturwunder nicht zu verpassen. Eigentlich keine große Sache – aber ich war dafür dankbar. Denn mir ist klar geworden, dass das genau meine Menschen sind. Weil sie einen hochziehen, an einen glauben und einem etwas von ihrer Energie geben, um das vielleicht jetzt noch Unmögliche, möglich zu machen. Eben, weil es in Amerika jeder schaffen kann. Auch du und ich. 

Was ist der tiefere Sinn der Geschichte? Leider habe ich in den vergangenen 20 Jahren in meinem Land viel zu oft erlebt, wie Menschen versucht haben, einem etwas auszureden, bevor man überhaupt angefangen hatte. Manchmal waren Neid und Missgunst der Grund, manchmal wollten sie sich in einem Ego-Wettbewerb erhöhen und dich erniedrigen. Warum machen wir uns nicht die Mühe, an die anderen zu glauben? Es kostet uns nur ein nettes Wort.

 

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